Interview mit Dr. Dr. Thomashoff: “Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden”

damit aus kleinen aerschen keine grossen werden von hans otto thomashoff

Der Zuwachs zu unserer BIOMAZING-Familie durch zwei ganz besonders kleine Co-Worker hat uns zum Nachdenken angeregt und wir haben uns die Frage gestellt, was denn ein gutes Vorbild ausmacht und wie wir unsere lieben Kleinen in ihrem Leben unterstützen können. Dazu haben wir uns mit Psychiater, Psychotherapeuten und Buchautor Dr. Dr. Hans-Otto Thomashoff über sein neuestes Buch unterhalten. Sein Nr.1 Tipp: Im Zweifelsfall für die Bindung!

Nach Büchern über das Glück und ein erfülltes Leben wenden Sie sich nun dem heißen Thema der Kindererziehung zu. Warum ist Ihnen gerade dieser Abschnitt im Leben eines Menschen so wichtig, dass Sie ein Buch darüber schreiben?

In meiner psychotherapeutischen Arbeit erlebe ich täglich wie die Wurzeln psychischer Probleme oft in der Kindheit angelegt sind. Die Psyche in unserem Gehirn baut sich auf wie ein Baum. Was früh angelegt wird – Stamm und Wurzeln – prägt, was sich später weiterentwickeln kann. Die gute Nachricht lautet: Wenn wir Eltern in den ersten Jahren das Wesentliche richtig machen, kommt das der Psyche unserer Kinder ihr ganzes Leben lang zugute. Und was wir richtig machen können und sollten, lässt sich heute durch die Ergebnisse der Hirnforschung recht leicht und eindeutig beschreiben.

Man sagt „Erziehung ist alles“ – stimmt das aus Ihrer Sicht? Wie viel kann Erziehung ausmachen, und wie viel kommt von alleine, bzw. dem Kind selbst?

Wir berücksichtigen bislang noch viel zu wenig wie unglaublich flexibel unser Gehirn ist. Der Aufbau unserer Psyche beginnt bereits vor der Geburt und bleibt ein Leben lang anpassungsfähig. Dreh- und Angelpunkt für unser Wohlbefinden ist dabei die Stressempfindlichkeit, und die lässt sich gezielt beeinflussen. Ganz entscheidend dafür ist eine frühe sichere Bindung zwischen Eltern und Kind. Später dann geht es vor allem darum, das wirkliche Leben und die Regeln, die darin gelten am realen Vorbild zu lernen. Wichtig für Eltern dabei ist die eigene Intuition. Um ihr vertrauen zu können, müssen wir uns selbst kennen und die Intuition im wirklichen Leben trainiert haben. Die findet sich nicht in Büchern. Ganz im Gegenteil sind die oft voll von unsinnigen Ratschlägen. Den Blick auf die eigenen Gefühle zu richten und mit ihrer Hilfe unseren Kindern eine gute Grundlage für ihr Leben mitzugeben, das ist mein Anliegen. Dann machen wir ganz von selbst das meiste richtig.

Sie sprechen sich in Ihrem Buch konkret gegen die Methode aus, ein Kind vor dem Einschlafen solange weinen zu lassen, bis es von alleine aufhört. Können Sie sich erklären, warum sich diese Methode so lange hält? Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn Bücher zu dieser Methode nach wie vor regelmäßig vergriffen sind? 

Ich denke, das sagt zweierlei aus: Wir lieben es bequem. Und wenn ein Säugling vermeintlich lernt, von selbst zu schlafen, ist das nach einer gewissen Zeit bequem. Wir bekommen seine Stresskrise dann garnicht mit. Aber viel entscheidender ist, dass wir unserer Intuition nicht mehr vertrauen. Ich kenne keine junge Mutter, der nicht unwohl dabei ist, ihr Kind schreien zu lassen, die nicht spürt, dass es ihm damit nicht gut geht.

Sie sagen in Ihrem Buch: „Ein Kind schreit niemals grundlos“ – können Sie das etwas näher erläutern? Was bedeutet das denn nun für Eltern, deren Kinder oft weinen, auch ohne sichtbaren Grund? Wozu raten Sie diesen Eltern?

Die Bindungsforschung macht deutlich, dass ein Kind nur dann schreit, wenn es einen Grund dafür hat. Um herauszufinden was los ist, müssen wir das Gefühl verstehen, dass das Schreien unseres Kindes in uns auslöst. In dem Alter, in dem Kinder uns noch nicht sagen können, was ihnen fehlt, brauchen wir unser Gespür, um zu verstehen was ihnen fehlt, ob sie z.B. Schmerzen haben oder uns auf der Nase herumtanzen. Die Grundregel in den ersten ein, zwei Lebensjahren lautet: Im Zweifel für die sichere Bindung zu sorgen.

Immer wieder hört man den Erziehungsratschlag, Kinder nur nicht zu verwöhnen. Kann man Kinder denn überhaupt verwöhnen?

Auch das ist eine Frage des Alters. Ein Säugling braucht die stabile Bindung. Damit ist er nicht verwöhnt, sondern gut auf das Leben vorbereitet. Später dann ist es ein heute verbreitetes Problem, wenn wir Kindern jeden Wunsch von den Lippen ablesen, denn das bereitet sie nicht auf das wirkliche Leben vor. Die totale Wunscherfüllung gibt es nicht und irgendwann wird diese Einsicht dämmern. Und wenn wir ihnen lange vorgaukeln, dass immer alles nach ihrer Pfeife tanzt, wird die Erkenntnis, dass das nicht stimmt heftig ausfallen mit den entsprechenden Protesten.

In ihrem Buch schreiben Sie, dass Eltern und Kinder einander gegenseitig „spiegeln“ – also ihre Gefühle gegenseitig spüren lassen. Haben Sie Tipps dazu, wie man sein Kind gut „lesen“ kann, ohne „Falsches“ in das Gegenüber hinein zu interpretieren? 

Auf das eigene Gefühl vertrauen und es im Miteinander mit dem Kind immer aufs Neue ausprobieren, so entsteht Erfahrung. Und dabei sind Fehler ganz normal. Perfekt sein geht nicht. Gut genug sein, das ist die Zauberformel. Alle Gefühle sind erlaubt, bei Kindern und bei Eltern, weil man Gefühle gar nicht verbieten kann. Sie entstehen im Gehirn viel schneller als die Ebenen zu ihrer Kontrolle. Wichtig ist es, die Gefühle zu verstehen und zu lernen, mit ihnen umzugehen.

Wie viele Einschränkungen sind gesund für ein Kind und wie kann man sicherstellen, dass man gleichzeitig genug Sicherheit und Freiraum gibt?

Wenn erst einmal eine sichere Bindung aufgebaut wurde, geht es darum, das wirkliche Leben vorzuleben und das Kind daran Anteil haben zu lassen. Gemeinsame Aktivitäten sind besser als Fernsehen oder Dauerbespaßung. Es geht darum, die Welt zu erklären in ihrer ganzen bunten Vielfalt und dabei ganz besonders auch die Welt der Gefühle. Wichtig ist es, dabei authentisch zu sein. An erster Stelle des vorgelebten Lebens stehen die eigenen Beziehungen. Wir sollten selbst gute Beziehungen vorleben, dabei Modell sein für unser Kind. Denn dann lernt es aus der Beobachtung, wie eine glückliche Beziehung funktioniert, und glückliche Beziehungen sind der wichtigste Baustein für ein erfülltes Leben.

Wie fördert man Kinder richtig?

Indem man sie bei der Hand ins wirkliche Leben mitnimmt. Also weniger künstliche Lernprogramme und mehr gemeinsames Entdecken der Welt in ihren großen aber auch in ihren kleinen ganz alltäglichen Eindrücken und Aufgaben.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Kinder die Stimmungen ihrer Eltern spiegeln und daher z.B. zu diesen blicken, wenn sie hinfallen, um an deren Reaktion abzulesen, ob nun etwas Schlimmes passiert ist oder nicht. Wie sollte man sich als Elternteil verhalten, wenn etwas Tragisches passiert ist wie ein Tod, Beziehungsdrama, oder etwas anderes, das den Elternteil sehr mitnimmt? Soll man in diesem Fall Fröhlichkeit vortäuschen oder zumindest nicht die volle Tragweite der Gefühle spüren lassen? 

Ich glaube, Vorspielen bringt nichts. Kinder spüren, was los ist und wollen das verstehen. Das heißt nicht, die eigenen Gefühlsstürme über den Kindern auszugießen. Sondern vorzuleben, wie man mit Gefühlen umgeht. Wir sollten also authentisch und ehrlich sein. Dazu müssen wir uns natürlich erst einmal selbst darin auskennen. Der Blick in den Spiegel unserer eigenen Gefühle ermöglicht es uns, diese offen und nachvollziehbar mit den Kindern zu teilen. Ganz wichtig dabei ist die Erfahrung, dass Gefühle auch wieder vorübergehen. Ein Kind hat noch kein Zeitempfinden. In seiner Wahrnehmung dauert ein Gefühl ewig an. Zu lernen, dass das nicht so ist, ist enorm wichtig, um zu lernen sich mit Gefühlen zu arrangieren.

In jeder Beziehung gibt es mal Streit: Wie führt man diesen mit Kindern zu Hause? Offen, versteckt? Vor den Kindern? Was wenn ein Konflikt bestehen bleibt und sich nicht vor dem Kind wohlwollend lösen lässt?

Hier geht es darum, eine konstruktive Streitkultur vorzuleben. Auch streiten muss gelernt werden. Zwischen Eltern und Kindern, denn auch wir Eltern haben ein Recht auf unsere Bedürfnisse, was natürlich nicht immer zu Begeisterung führt bei unseren Kleinen. Aber das muss es auch nicht. Ich sagte ja schon, alle Gefühle sind erlaubt im Miteinander. Wenn Streit zu einer Lösung führt, ist es durchaus gut das vorzuleben. Wenn nicht, dann vielleicht besser nicht. Doch Kinder bekommen Spannungen mit. Wenn es in der Partnerschaft einmal kriselt, ist es wichtig deutlich zu machen, dass das nichts mit dem Kind zu tun hat, sondern dass Eltern eben auch Menschen sind und damit nicht perfekt sein können. Dann ist das kein Drama.

Zum Abschluss gerne noch ein praktischer Tipp: Wenn alles schief geht oder auch wenn alles gut läuft – was ist die eine Sache, die man machen kann die immer gut ist und tut und auf die man sich in jeder Situation verlassen kann? 

Ich erwähnte es schon, in den ersten Lebensjahren lautet die Grundregel: Im Zweifelsfall für die Bindung. Anschließend  geht es um das Erkunden der Welt, um Fördern durch machen lassen und erklären. Und bitte keinen künstlichen Druck machen. Perfekt sein gibt es nicht. Ehrlich bleiben, und wenn man einmal gar nicht mehr weiter weiß, z.B. in einem Streit auch dabei ehrlich sein und die ganze Sache auf morgen vertagen.

Wir versuchen uns diese hilfreichen Tipps von Hans-Otto Thomashoff zu Herzen zu nehmen. Für all jene die das Interesse gepackt hat und noch mehr über intuitive Erziehungsmethoden erfahren möchten gibt es hier sein Buch dazu: https://amzn.to/2oB760K  

Dr. Dr. Thomashoff ist außerdem in einer regelmäßigen Kolumne im Standard zu lesen.

Wir sprechen eine eindeutige Leseempfehlung aus und bedanken uns für das spannende Gespräch.

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